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Tücken bei der Bestandserfassung: singende Weibchen und Spottsänger

Das Weibchen des Rotkehlchens singt ebenfalls

Das Weibchen des Rotkehlchens singt ebenfalls
Foto: © Daniele Occhiato

Das Revierverhalten und der auffällige Gesang vieler Singvögel während der Brutzeit erleichtern die Bestandsaufnahme für viele Arten. Es gibt sogar Arten, die anhand des Gesangs einfacher unterschieden werden können als von Auge, z.B. Zilpzalp und Fitis. Dank dieser Verhaltensweisen konnten effiziente Methoden zur Erhebung des Bestands innerhalb einer vorgegebenen Fläche entwickelt werden, beispielsweise die Revierkartierung. Mit den daraus gewonnenen Daten kann auch der nationale Bestand geschätzt werden. Für den Brutvogelatlas 2013–2016 sind vereinfachte Revierkartierungen eine zentrale Methode. Gute Stimmenkenntnisse der mitarbeitenden Ornithologinnen und Ornithologen sind also eine wichtige Voraussetzung.

Die Biologie ist aber eine Wissenschaft der Ausnahmen. Das erstaunt nicht, untersucht sie doch ausdrücklich die Vielfalt der Formen, Lebensweisen und Überlebensstrategien. Die Vögel machen diesbezüglich keine Ausnahme. Mal abgesehen von der Tatsache, dass einige Arten überhaupt nicht singen und einige auch keine Reviere im klassischen Sinn besetzen, gibt es auch bei singenden und Reviere verteidigenden Arten immer wieder Herausforderungen. Auf zwei besondere Herausforderungen gehen wir im Folgenden genauer ein.

Nicht nur Männchen singen

Beim Wendehals singen regelmässig beide Geschlechter

Beim Wendehals singen regelmässig beide Geschlechter
Foto: © Rien van Wijk

Wir befinden uns Anfang Mai in einem ausgedehnten Obstgarten, anschliessend daran ist eine wenig intensiv genutzte Böschung. Plötzlich vernehmen wir einen wohlbekannten Gesang: ein Wendehals. Erfreut notieren wir die Beobachtung. Doch da, vom anderen Ende des Obstgartens her singt tatsächlich noch ein zweites Individuum – fantastisch!

Bei genauerem Hinhören stellen wir aber fest, dass der Gesang des zweiten Vogels langsamer, schleppender und etwas tiefer ist. Obwohl der Rhythmus abhängig vom Erregungszustand des Sängers ist und auch die Tonlage von Sänger zu Sänger etwas variieren kann, sind die oben beschriebenen Unterschiede beim Wendehals charakteristisch für die beiden Geschlechter. Männchen und Weibchen können einzeln singen, gerade beim Wendehals antworten sie sich aber häufig und können zur selben Zeit gehört werden. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass ohne Vorsicht schnell auf zwei Revierinhaber geschlossen werden könnte und dadurch der Brutbestand an dem Ort überschätzt würde.

Dass Weibchen auch singen, ist vielen Feldornithologinnen und -ornithologen wenig bekannt. Obwohl dieses Phänomen bei etlichen Arten beobachtet wurde (s. Kasten), ist es für die meisten Arten dieser Liste doch eher die Ausnahme.

Es lohnt sich also bei zwei Sängern darauf zu achten, ob es sich um zwei rivalisierende Männchen oder eher um ein Pärchen handeln könnte. Diese Beurteilung ist nicht immer einfach, besonders bei Arten, bei denen sich Männchen und Weibchen zumindest für das menschliche Auge nicht unterscheiden lassen.

Arten, bei denen singende Weibchen bekannt sind (fett: Weibchen singen regelmässig)

Zwergtaucher, Wasserralle, Tüpfelsumpfhuhn, Kleines Sumpfhuhn, Teichhuhn, Bekassine (das Weibchen führt den Balzflug viel seltener aus als das Männchen), Zwergohreule, Uhu, Sperlingskauz, Steinkauz, Waldkauz, Waldohreule (das Weibchen ist weniger weit hörbar als das Männchen), Wendehals, Grauspecht, Grünspecht, Buntspecht (Trommeln), Kleinspecht (Trommeln), Dreizehenspecht (Trommeln), Heidelerche (das Weibchen singt weniger ausdauernd), Feldlerche (seltenerer und weniger intensiver Gesang als beim Männchen), Rauchschwalbe, Brachpieper, Wasseramsel, Zaunkönig, Heckenbraunelle (selten), Rotkehlchen, Rohrschwirl, Teichrohrsänger (bei Erregung), Sumpfrohrsänger, Waldlaubsänger, Sumpfmeise (selten), Weidenmeise (selten), Tannenmeise (selten und leiser), Pirol, Star, Buchfink (selten), Girlitz, Gimpel, Zaunammer (selten), Rohrammer (nicht so laut wie beim Männchen).

Spottsänger

Der Gartenrotschwanz ist ein guter Spottsänger

Der Gartenrotschwanz ist ein guter Spottsänger
Foto: © Rudolf Aeschlimann

Einige Arten können artfremde Vogelstimmen bestens nachahmen. So hat der Star doch schon manchen Ornithologen glauben gemacht, dass er da einen Pirol, einen Eichelhäher oder einen Mäusebussard rufen höre.

Der Gartenrotschwanzspezialist André Bossus hat auch festgestellt, dass „seine“ Gartenrotschwänze perfekt Fitisse imitieren können (vgl. Tonaufnahme). Das Erstaunlichste an diesem Beispiel ist, dass das typische Motiv des Gartenrotschwanzes am Anfang des Gesangs vollkommen fehlt.

Star und Gartenrotschwanz sind aber bei Weitem nicht die einzigen Arten, bei denen erstaunlich gute Imitationen anderer Arten festgestellt wurden. So sind beim Sumpfrohrsänger 212 imitierte Arten bekannt, darunter viele aus dem afrikanischen Winterquartier. Allerdings werden diese Imitationen lediglich abschnittsweise in seinen sonst typisch plaudernden Gesang eingebaut. Daher verursacht diese Art meist weniger Verwechslungsprobleme.

Sumpfrohrsänger

Sumpfrohrsänger
Foto: © Peter Keusch

Star

Star
Foto: © Marcel Burkhardt

Generell verraten sich viele Nachahmer durch gelegentlich geäusserte, arttypische Laute oder ganze Gesangsstrophen. So kehrt auch der Star nach ein paar Mäusebussard-Einlagen schnell wieder zurück zu seinem arttypischen Gesang. Gleiches gilt für Eichelhäher, Braunkehlchen (gelegentliche Imitationen) und Schwarzkehlchen (seltene Imitationen). Die wirklich schwierigen Herausforderungen stellen daher (die wenigen) Arten dar, die wiederholt andere Arten imitieren ohne eigene Gesangselemente einzubauen. Beispiele hierfür sind etwa die Meisen (z.B. Kohlmeise), die andere Meisenarten nachahmen, oder der Gartenbaumläufer, der den Gesang des Waldbaumläufers zum Verwechseln ähnlich imitieren kann. Der Gartenrotschwanz beherrscht neben den bereits erwähnten Imitationen des Fitis aber auch solche von Hausrotschwanz und weiteren Arten.

Um diesen Spottsängern auf die Schliche zu kommen, ist es wichtig, dass man seine eigenen Bestimmungen immer wieder kritisch hinterfragt: Passt das Habitat zu den Ansprüchen der identifizierten Art? War die Dauer des Gesangs lange genug für eine sichere Bestimmung? Erscheint etwas merkwürdig, ist mit etwas Geduld häufig der Sänger zu entdecken – was das Rätsel oft lösen kann. Die zusätzlich investierte Zeit lohnt sich für eine saubere Bestimmung allemal.